Dienstag, 12. September 2017

[Rezi] Die Mitte von Allem von Anna Shinoda

~Inhalt~
"Clare liebt ihren Bruder Luke über alles – er ist ihr strahlender Held, mit dem sie Abenteuer erlebt, der ihr das Schwimmen beibringt und der sie beschützt. Seit ihrer Kindheit sitzt Luke jedoch immer wieder im Gefängnis. Als er nun nach vier Jahren frühzeitig entlassen wird, hofft sie, dass er sich dieses Mal geändert hat. Aber bald darauf wird Luke erneut verhaftet. Während Clares Eltern versuchen, den schönen Schein zu wahren, und Luke immer wieder mit offenen Armen empfangen, beginnt Clare, an seiner Unschuld zu zweifeln. War er nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Als Clare schließlich selbst in Lukes Machenschaften hineingezogen wird, will sie wissen, wer ihr Bruder wirklich ist. Sie geht der Vergangenheit auf den Grund. Doch was sie dort findet, übertrifft ihre schlimmsten Befürchtungen." (Quelle: Amazon)

~Meine Meinung~
"Die Mitte von Allem" ist ein Familiendrama, das aus Sicht von Clare, dem jüngsten der drei Geschwister, geschildert wird. Die Kapitel wechseln sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit ab, wodurch sich die Zusammenhänge nur allmählich erschließen und das Ausmaß der Probleme nicht sofort deutlich wird. Das erzeugt Spannung und hat mich dazu gebracht, das Buch nicht aus der Hand legen zu wollen. Die große Frage, warum Luke immer wieder im Gefängnis landet, obwohl er doch nur "zur falschen Zeit am falschen Ort war" - wie Clares Mutter im wieder betont - treibt den Leser an. Und stellt auch Clare immer wieder vor Rätsel.

Clare hat Luke stets als fürsorglichen, liebevollen großen Bruder in Erinnerung, der sie vor allem beschützen wollte. Das wird in den Rückblenden schnell deutlich und es fällt nicht schwer, Luke zu mögen, obwohl er schon seit seiner Jugend immer wieder im Gefängnis war. Trotzdem wird er von den Eltern immer mit offenen Armen empfangen und ist weiterhin das Lieblingskind, während Clare es ihrer Mutter niemals recht machen kann und in allem kontrolliert und eingeschränkt wird, egal wie gut ihre Noten sind oder wie geduldig sie die Vielzahl an Aufgaben erledigt, die ihre Mutter ihr aufzwingt. Clare ist eine starke Protagonistin, die nie in Selbstmitleid versinkt und versucht, nach Vorne zu blicken, obwohl die Vergangenheit als Skelett stets an ihrer Seite steht. Das macht sie sehr sympathisch und ich konnte mit ihr mitfühlen. Peter als mittleres Kind geht dabei regelrecht unter - und wehrt sich mit rebellischem Verhalten dagegen, was Clare ein ums andere Mal verletzt. Peter war mir bis kurz vor dem Ende am unsympathischsten, dann erfährt man endlich, warum er sich so ungerecht verhält - und das erklärt einiges. Die Motive von Clares Eltern bleiben allerdings größtenteils im Dunkeln. Warum die Mutter so übertrieben versucht, den Schein der perfekten Familie zu wahren, wird am Ende angedeutet, aber was den Vater angetrieben hat, all das bereitwillig mitzumachen, blieb mit ein Rätsel.

Die Handlung überzeugt durch die geschickte Verwebung der Vergangenheit und der Gegenwart. Von der glücklichen Familie, die Clare in Erinnerung hat, und dem, was Luke getan haben muss und wie er sich immer wieder merkwürdig verhält und für Clare immer unverständlicher handelt. Man möchte als Leser genauso sehr wissen, was Luke wirklich ins Gefängnis gebracht hat und wie sich das mit dem gutherzigen Bruder vereinbaren lässt, den er für Clare war und ist. Doch auf die Erklärung muss man bis zum Ende des Buches warten - dafür kann sie umso mehr schockieren. Manch einem mag der langsame Verlauf der Handlung, der eher ruhig bleibt und viel aus Clares Alltag mit ihrer Familie und ihren Freunden beschreibt, zu zäh erscheinen, doch ich fand ihn genau richtig. Nur selten hatte ich das Gefühl, die Handlung würde auf der Stelle treten.

Der Schreibstil ist flüssig und angenehm. Das Familienskelett Skel, das in schwierigen Situationen immer wieder vor Clares Augen auftaucht, stellt einen erschreckend humorvollen Kontrast zu der schwierigen Thematik dar, die Anna Shinoda gekonnt aufgebaut hat.


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